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Alois Brandstetter


Mein lieber Ürdinger, habe ich gesagt, heute bist du aber wieder einmal sehr spät dran. Oh, ich versäume nichts, hat Ürdinger gesagt. Ich bin ja froh, daß du überhaupt da bist, habe ich gesagt, manchmal kommst du ja leider gar nicht. Es ist nicht jeder Tag gleich, hat der Ürdinger gesagt. Dann hat er auf Wiederschaun gesagt, und ich habe erwidert: gute Nacht.

 Oft bringt der Ürdinger die Post etlicher Tage auf einmal, Postmeister. Heute habe ich einen größeren Posten, sagt er dann. Der Postmeister sagt, sagt er, du, Postmeister, sagst laut Ürdinger, daß ihr zusammenfassen und rationalisieren müßt. Ich kann meine guten Leute nicht wegen einer einzigen dünnen Korrespondenzkarte kilometerweit ins Land hinausjagen, sagst du. (Alois Brandstetter, Zu Lasten der Briefträger)


... MIT DEM LESEN werdet ihr nicht und nicht fertig. Ihr haltet Euch beim Lesen der Post zu lange auf, das ist das Problem, sage ich, es handelt sich um sonst nichts, als um eine Frage der Lektüre!

 Und damit meine ich nicht und dabei denke ich nicht an die Adressen oder nur die Adressen, ihr lest vielmehr sehr viele Briefe und Karten, den Text vieler Briefe und Karten lest ihr. Die offenen Karten lest ihr sowieso, warum sind es Karten, sagt ihr. Wer eine Karte schreibt, wer eine offene Karte schreibt, bekundet bereits damit, daß er eine Karte und offen schreibt, ein gewisses öffentliches Interesse. ... Der Verfasser einer offenen Karte, sagt der Deuth, der Intellektuelle unter deinen Gehilfen, ist für mich ein Schriftsteller, und eine Karte ist die unterste Art einer Publikation, eine offene Karte ist eine Veröffentlichung im Selbstverlag. (Alois Brandstetter, Zu Lasten der Briefträger)



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Erwin