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Elke Heidenreich

Nurejews Hund
oder Was die Sehnsucht vermag



Elke Heidenreich


Die deutsche Journalistin, Talkmasterin und Schriftstellerin Elke Heidenreich wurde einem größeren Publikum in den TV-Sendungen „Literaturmagazin“, „Durchblick“, „Kölner Treff“ oder „live“ bekannt. Zuvor schrieb sie Hörspiele und Drehbücher.

Durch ihre kabarettistischen Auftritte als Else Stratmann während der Olympiasendungen aus Los Angeles und Seoul erreichte sie große Popularität.

Als Schriftstellerin trat sie mit Titeln wie „Kolonien der Liebe“ oder „Der Welt den Rücken“ in Erscheinung. Elke Heidenreich gilt als scharfe Beobachterin, die mit erfrischendem Witz und Komik zu erzählen versteht...


Wenn Nurejew zu Hause war, begleitete Oblomow seinen Herrn natürlich überall hin, vor allem zum täglichen Training in den Ballettsaal mit den riesigen Spiegeln, dem glatten Boden und der barre. Dort lag dann das Brokatkissen neben dem Klavier, und wenn Monsieur Valentin spielte und Rudolf Nurejew sich an der Stange bog und drehte oder mit seinen Schülern oder dem Corps de ballet der Pariser Oper neue Tanzschritte probte, lag Oblomow schläfrig auf seinem Lager, schaute durch fast geschlossene Augen dem Treiben zu und seufzte ab und zu tief. Er verstand inzwischen viel vom Tanz, wenn er auch nicht recht begriff, weshalb Lebewesen sich der Tortur unterzogen, mit beiden Beinen gleichzeitig in der Luft zu sein und dabei noch die Arme graziös emporzurecken, ailes de pigeon, en avant et en arrière. Wozu das alles? Der Boden erbebte leicht, und Oblomow spürte den Rhythmus des Klaviers und der tanzenden Füße und nahm ihn zufrieden grunzend in sich auf.

Un, deux, trois, allez! Nurejew sprang in die Luft, die Beine fest und gerade aneinandergeschmiegt, die Arme gestreckt, assemblé soutenu, und seine Partnerin kam ihm in einer grande jetée en tournant entgegengeflogen, der rechte Fuß stand auf der Spitze, der linke war mit 90 Grad nach hinten gestreckt, die Arme schienen Flügel zu sein, und Oblomow spürte tief in seinem Inneren unter dem dreifarbigen Fell, was Sehnsucht ist, was Romantik und Schönheit. Es machte ihn glücklich.


Dann wurden ihm die Nächte doch manchmal etwas lang, und er schlurfte durch die nur angelehnte Tür auf den kleinen Balkon und sah nachts um halb drei durch das Gitter der Veranda hinunter auf die stille Straße vom Bois de Boulogne. Und eines Nachts ertappte er sich zu einem eigenen Erstaunen dabei, wie er plötzlich die Vorderpfoten zierlich kreuzte und einen kleinen Sprung wagte – fast eine révoltade, eine äußerst komplizierte Variation aus Spielbein und Sprungbein. Er schnaufte heftig. Langsam hob er seinen Hinterleib und stellte sich auf die Spitzen der Hinterpfoten – ein beinahe perfektes relevé war ihm da gelungen, und er legte noch einen Schritt drauf, einen ganz kleinen, eigentlich nur angedeuteten frappé, ein leichtes Fersenanschlagen, Spielbein gegen Standbein. Dann stand  er verwundert still und horchte in sich hinein. Was war denn das? Konnte er, wollte er etwa tanzen? Trieb ihn die Sehnsucht nach seinem Herrn, Erinnerung, oder hatte er ästhetische Bedürfnisse? Er wusste es nicht. Er wusste nur, dass es ihn reizte, auszuprobieen, was er so oft gesehen, wovon er so oft geträumt hatte.


Mily Oblomov, ty potjesch pupliaschy tolka dlia jewo.

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