Zerrüttetes
Selbstwertgefühl
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Polly Adler
eigentlich Angelika Hager, wurde 1963 in
Baden bei Wien geboren. Seit 1986 schreibt sie für diverse
österreichische und deutsche Monatsmagazine, seit 1998 ist sie
Redakteurin des Nachrichtenmagazins >profil<.
Sie verfasste mehere Drehbücher und Theaterstücke. 1996
erfand sie die Kunstfigur Polly Adler.
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Bin ich noch
normal? Langsam gebe ich
mir echt zu denken.
Die Restbestände meiner Freunde finden nämlich unisono, dass
ein Leben ganz
ohne Therapeuten-Chouch auf ein äußerst zerrüttetes
Selbstwertgefühl
rückschließen lässt. Und überdies schrecklich
unchic ist. Meine Mutter will
wissen, was ich zum Geburtstag will. „Einen Zehnerblock
Gestaltungstherapie“, hauche
ich, „ich muss mein ich stärken.“ – „Aber Liebes“, kontert sie,
„du hast doch
ein Kind und eine Einbauküche. Was brauchst du denn da so einen
Tinnef wie ein
Selbstwertgefühl?“ Ganz selten ist Mutter doch die Beste.
Ein bisschen schlecht
Da hatte ich den Salat. Der akute Hauptmieter meines Herzens erwies
sich als Charakterfestung voll der Tugenden, die man in dieser
Häufung beim feindlichen Geschlecht nie auch nur annähernd
vermutet hätte. Auf gut Deutsch: Er war einfach nett und
anständig obendrein. Wann immer er einen Anruf in Aussicht
gestellt hatte, klingelte mein Körpertelefon. Beim
Restaurantbesuch ignoriert er vorbeilichternde Weibspersonen mit
gemeinen Körpermaßen beharrlich, anstelle sie wie seine
Geschlechtsgenossen mit jener Sorte von Blicken zu bedenken, die selbst
eine Sharon Stone Schamesröte in den Teint getrieben hätten.
Morgens brachte er mir das perfekte Kernweiche ans Bett. Ich begann,
mir ernsthaft Sorgen zu machen. Erstens: weil all meine mühevoll
erarbeiteten Vorurteile über die Psyche des Mannes angesichts
dieses Exemplars gefährlich ins Wanken gerieten. Und zweitens:
weil die wenigen Jungs die ähnlich gestrickt waren, bei mir immer
mit dem Schlimmsten zu rechnen hatten. Kaum war einer so, begann sich
das Gift der Liebe, die Langeweile, in meine Seele zu schleichen und
ich wurde zickig.
In Träumen erschien er mir bereits mit rot blinkendem Ablaufdatum
auf der Stirn. Dabei liebe ich ihn doch. Es galt, mich auszutricksen.
„Behandle mich ein bisschen schlecht“, flüsterte ich ihm
zärtlich zu. Während er frische Früchte zwecks
Beseitigung meiner Vitaminmängel zu Saft zerstörte, sah er
mich fragend an. „Ganz einfach ... reiße Frauen lange blonde
Haare aus und verteile sie auf deinem Sakko ... verschwinde zwei Tage,
weil du dir selbst ins reine kommen musst ... lass den Klodeckel nach
dem Pipimachen oben, kleine Übung zu >Egoismus im Alltag – na
und?< undsoweiterundsofort.“ „Außer deppert nur deppert“,
konstatierte er jetzt, „ihr Weiber!“, und goss die Vitamininfusion mit
Todesverachtung in den Ausguss. Da vollführte mein Herz einen
dreifachen Toeloop. Der Mann war ja so was von lernfähig!
Hinrichtungsgalas
Wissen Sie was ich liebe? Und zwar so sehr
wie schrumpelige Milchhaut auf kaltem Kaffee, Célin Dions „Best
of“-Scheiben oder Strickpullis mit lustigen Papageien-Motiven drauf?
Also ungefähr so liebe ich Männer-Rudel, die sich im Zuge
fortgallopierenden Alkoholgenusses bemüßigt fühlen,
Zeugnisnoten über die optische Beschaffenheit von Frauen zu
vergeben. Unlängst stolperte ich per Zufall in eine solche
nachmittägliche Hinrichtungsgala und lauschte eine Weile. Als sich
ein geheimratseckiger Laufmeter zur Bemerkung „Na, du solltest auch
einmal Urlaub in Äthiopien machen!“ ermächtigt fühlte,
erlaubte ich mir, mich zu vergessen.
„Gibt’s diese bananengelben Hemdchen eigentlich auch für
Männer, du Radiogesicht ... und wenn du das nächste Mal
ausgehst, häng dir ein Kranzl Knackwürste um den Hals, auf
dass wenigstens die Hunde mit dir spielen!“
Jetzt bekam sein Gesicht eine einmalige Chance auf etwas Farbe und er
zischte: „So eine Geschmacklosigkeit!“ Verstand ich gar nicht so
richtig, denn mir schmeckte es formidable.
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